Wie Google gelernt hat Suchanfragen zu verstehen

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Glasfläschchen mit goldenem Deckel neben einer halbierten, gelben Passionsfrucht mit grünen Blättern. Die Gegenstände sind verbunden mit farbigen Kreisen, die verschiedene Inhaltsstoffe oder Eigenschaften darstellen könnten.

Kleines Wort - große Wirkung

Lange Zeit war die Internetsuche ziemlich rigide: Google suchte vor allem nach Seiten, auf denen dieselben Wörter standen wie in der Suchanfrage. Heute hingegen findet die Suchmaschine auch dann passende Inhalte, wenn eine Seite ganz andere Formulierungen verwendet.

Aber wie ist Google eigentlich so gut darin geworden, Suchanfragen zu verstehen und passende Ergebnisse zu liefern? Die Antwort liegt in der Evolution der semantischen Suche. Die folgende Entwicklung ist vereinfacht dargestellt. Die einzelnen Methoden haben einander nicht vollständig abgelöst. Viele davon werden bis heute miteinander kombiniert. Gehen wir auf eine Reise!

Wie ein kleines Wort die Suche verändert

Nehmen wir eine typisch formulierte Suchanfrage, die nur aus den wichtigsten Begriffen besteht:

"impfung besuch nach brasilien"

Wenn wir das lesen, haben wir wahrscheinlich schon eine Idee, was der Suchende finden wollte. Wir können uns sicher ein "perfektes" Suchergebnis bei Google vorstellen. Behalten wir dieses Bild kurz im Kopf.

Die auffälligen Begriffe sind "Impfung", "Besuch" und "Brasilien". Ein großer Teil der Bedeutung steckt aber im kleinen und unscheinbaren Wort: "nach". Es stellt die Verbindung zwischen dem Besuch und dem Reiseziel her.

Für uns ist diese Verbindung leicht zu erkennen und offensichtlich. Für ein Suchsystem war das lange nicht selbstverständlich. Wie gut es die Anfrage einordnen kann, hängt davon ab, welche Verfahren es verwendet.

1970er- bis 1990er-Jahre: Wörter zählen und gewichten

Frühe Suchsysteme konzentrierten sich vor allem auf die Begriffe, die in einer Anfrage und in einem Dokument vorkamen. Verfahren wie TF-IDF gewichteten diese Wörter danach, wie häufig sie im Dokument und wie selten sie in der gesamten Dokumentensammlung waren.

In den 1990er-Jahren kam mit BM25 ein Rankingverfahren hinzu, das bis heute verwendet wird. Vereinfacht gesagt berechnet BM25, wie gut die Wörter einer Suchanfrage zu einem Dokument passen. Dabei berücksichtigt das Verfahren die Häufigkeit eines Begriffs, seine Seltenheit in der Dokumentensammlung und die Länge des Dokuments.

Bei unserer Anfrage erhalten "Impfung", "Besuch" und "Brasilien" deshalb mehr Gewicht als das häufige Wort "nach". Je nach Aufbereitung der Texte kann ein solches Wort sogar herausgefiltert werden.

Übrig bleiben dann vor allem die großen Begriffe:

  • Impfung
  • Besuch
  • Brasilien

Damit kann das System durchaus passende Dokumente finden. Es erkennt aber nicht automatisch, wie diese Begriffe zusammengehören.

Das zeigt sich, wenn wir die Anfrage leicht verändern:

"impfung besuch aus brasilien"

Jetzt geht es um jemanden, der aus Brasilien zurückkehrt oder von dort zu Besuch kommt – nicht um die eigene Reise dorthin. Fast dieselben Wörter, aber eine umgekehrte Richtung und vermutlich auch eine andere Zielgruppe. Für den reinen Wortabgleich sehen sich beide Anfragen erstaunlich ähnlich. Und wird das kleine Wort "aus" herausgefiltert, bleiben in beiden Fällen exakt dieselben Begriffe übrig.

1990: Verborgene Muster zwischen Begriffen

Latent Semantic Indexing, kurz LSI, ging über den direkten Wortabgleich hinaus. Das Verfahren untersuchte, welche Begriffe häufig in denselben oder ähnlichen Dokumenten vorkamen. Daraus entstand ein mathematischer Raum, in dem sich Begriffe und Dokumente miteinander vergleichen ließen.

Für unser Beispiel bedeutet das: Tauchen "Impfung", "Reiseimpfung", "Gelbfieber", "Impfpass" und "Einreise" häufig in ähnlichen Dokumenten auf, kann LSI zwischen ihnen statistische Zusammenhänge erkennen. Eine Seite über Reiseimpfungen könnte dadurch als passend gelten, auch wenn sie nicht alle Wörter der Anfrage enthält.

Ob es um eine Reise nach Brasilien oder um eine Rückkehr von dort geht, ergibt sich daraus aber noch nicht zuverlässig. LSI erkennt Muster in einer Dokumentensammlung. Es analysiert nicht die grammatische Funktion des Wortes "nach" innerhalb unseres Beispiels.

2013: Word2Vec bringt Wörter in den Vektorraum

Die nächste Neuerung kam von Google. Mit Word2Vec ließen sich Wörter in großem Umfang als Vektoren darstellen. Wörter, die in ähnlichen sprachlichen Umgebungen vorkommen, erhielten ähnliche mathematische Repräsentationen. Wer sich unter einem Vektor wenig vorstellen kann: Im Kern ist er eine lange Liste von Zahlen. Zusammen beschreiben diese Zahlen die Position eines Wortes in einem Raum mit hunderten oder tausenden Dimensionen und damit auch, welche anderen Wörter in seiner Nähe liegen.

Dadurch lassen sich Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Wörtern berechnen:

  • "Impfung" ähnelt "Schutzimpfung" und "Impfschutz".
  • "Besuch" ähnelt "Reise" und "Aufenthalt".
  • "Brasilien" steht in einer erlernbaren Beziehung zu "Südamerika".
  • "impfen" steht in einer erlernbaren Beziehung zu "geimpft".

Ein Suchsystem kann mithilfe solcher Wortvektoren erkennen, dass eine Seite über "Schutzimpfungen, Reisen und Südamerika" thematisch zur Anfrage passen könnte. Dafür muss sie nicht exakt dieselben Wörter verwenden.

Für die richtige Zuordnung reicht das aber immer noch nicht. Gefunden würde wahrscheinlich auch eine Seite mit Impfempfehlungen für Besucher aus Brasilien, die nach Deutschland einreisen. Diese Seite enthält verwandte Begriffe, hat aber eine komplett andere Zielgruppe.

Genau hier wird das kleine Wort "nach" wichtig. Word2Vec betrachtet Wörter weitgehend unabhängig von ihrem konkreten Satzkontext. Es erkennt daher nicht zuverlässig, dass "nach Brasilien" die Richtung des Besuchs beschreibt.

2018 und 2019: BERT berücksichtigt den Kontext

Google stellte BERT 2018 als Sprachmodell vor und setzte BERT-basierte Systeme ab 2019 auch in der Suche ein. Anders als frühere Wort-Embeddings betrachtet BERT ein Wort zusammen mit den Wörtern davor und danach.

Damit kommen wir wieder zu unserem kleinen, aber wichtigen "nach".

BERT kann berücksichtigen, dass "nach Brasilien" wahrscheinlich die Richtung des geplanten Besuchs beschreibt. Das Modell verarbeitet die Anfrage also nicht nur als Sammlung der Begriffe "Impfung", "Besuch" und "Brasilien". Es kann auch deren Zusammenhang einbeziehen und die gesuchte Intention erkennen: Impfungen für eine Reise nach Brasilien. Die Kontrastanfrage "impfung besuch aus brasilien" beschreibt dagegen die umgekehrte Richtung – ein Unterschied, den das Modell nun einordnen kann.

  • "impfung besuch nach brasilien" – Welche Impfungen brauche ich für die Reise?
  • "impfung nach besuch brasilien" – Was muss ich nach der Rückkehr beachten?
  • "nach impfung besuch brasilien" – Wie lange dauert es nach der Impfung, bis der Schutz besteht? Beim Gelbfieber etwa gilt der Impfnachweis erst zehn Tage nach der Impfung.1

Drei Anfragen, drei völlig verschiedene Anliegen – und alle drei bestehen aus exakt denselben vier Wörtern. Für den reinen Wortabgleich sind sie nicht zu unterscheiden, denn eine Wortreihenfolge kennt er nicht. Erst ein Modell, das den Kontext einbezieht, kann aus der Position von "nach" die passende Bedeutung ableiten.

2020: Dense Retrieval findet passende Passagen

Dense Retrieval überträgt den Vektoransatz auf ganze Anfragen und Textpassagen. Beide werden als gelernte Vektoren dargestellt und anhand ihrer mathematischen Nähe miteinander verglichen.

Nehmen wir an, auf einer Seite mit reisemedizinischen Hinweisen steht:

"Vor einem Aufenthalt in Brasilien empfiehlt sich eine ärztliche Beratung zu Reiseimpfungen, etwa gegen Gelbfieber und Hepatitis A."

Dieser Satz enthält nicht exakt die Formulierung "impfung besuch nach brasilien". Inhaltlich passt er trotzdem sehr gut zur Anfrage.

Dense Passage Retrieval, kurz DPR, zeigte 2020 in Tests für offene Frage-Antwort-Aufgaben, dass ein solcher Ansatz eine starke BM25-Vergleichslösung übertreffen konnte. Das war kein Beweis dafür, dass Vektorsuche grundsätzlich besser ist. Es zeigte aber, wie gut gelernte Repräsentationen bei bestimmten Suchaufgaben funktionieren können.

BERT und Dense Retrieval sind dabei nicht dasselbe. BERT ist ein Sprachmodell, das kontextbezogene Repräsentationen erzeugen kann. Dense Retrieval bezeichnet eine Suchmethode, die solche gelernten Repräsentationen zum Vergleich von Anfragen und Dokumenten nutzt.

Ab 2023: Hybridsuche und RAG rücken in den Vordergrund

Hybridsysteme verbinden Keyword- und Vektorsuche. Der lexikalische Teil berücksichtigt konkrete Begriffe wie "Impfung" und "Brasilien". Der semantische Teil findet Formulierungen mit ähnlicher Bedeutung, etwa "Reiseimpfungen" oder "Impfberatung vor einer Brasilienreise".

Retrieval-Augmented Generation, kurz RAG, ergänzt die Suche um die Antwortgenerierung. Das System übergibt relevante Fundstellen an ein Sprachmodell, das daraus eine Antwort formuliert. Google setzt RAG laut eigener Dokumentation bei AI Overviews und AI Mode ein. Die Suchsysteme rufen relevante Webseiten ab. Das Sprachmodell verarbeitet Informationen daraus und verweist auf weiterführende Quellen.

Welche Rolle die abgerufenen Inhalte dabei spielen und wovon die Qualität der Antworten abhängt, erklären wir im Abschnitt Retrieval-Augmented Generation in unseren KI-Grundlagen.

Bei unserer Anfrage könnte das System zunächst eine Seite mit Impfempfehlungen für Brasilien aufrufen und die Angaben daraus für die Antwort nutzen. Auf Rückfrage könnte es auch die empfohlenen Impfungen, die Vorlauffristen oder eine reisemedizinische Beratungsstelle nennen. So erhält der Nutzer die gesuchten Informationen, ohne die Seite selbst durchsuchen zu müssen.

Das System versteht die Anfrage jedoch nicht wie ein Mensch. Es kann Wörter, Zusammenhänge und Textpassagen jedoch genauer einordnen und dadurch relevantere Dokumente zur Suchintention finden. Darin liegt der Kern der semantischen Suche: Sie ersetzt Keywords nicht, sondern ergänzt den Wortabgleich um Kontext und Bedeutungsbeziehungen.

Google KI Antwort

Quellen und Fußnoten

Jahr Meilenstein Paper / Quelle
1970er TF-IDF Salton & McGill, "Introduction to Modern Information Retrieval" (kein Einzelpaper, Konzept aus mehreren Publikationen)
1994 Okapi BM25 Robertson et al., "Okapi at TREC-3" – https://trec.nist.gov/pubs/trec3/papers/city.ps.gz
1990 Latent Semantic Indexing (LSI) Deerwester et al., "Indexing by Latent Semantic Analysis" – https://doi.org/10.1002/(SICI)1097-4571(199009)41:6%3C391::AID-ASI1%3E3.0.CO;2-9
2003 Latent Dirichlet Allocation (LDA) Blei, Ng & Jordan, "Latent Dirichlet Allocation" – https://www.jmlr.org/papers/volume3/blei03a/blei03a.pdf
2013 Word2Vec Mikolov et al., "Efficient Estimation of Word Representations in Vector Space" – https://arxiv.org/abs/1301.3781
2014 GloVe Pennington, Socher & Manning, "GloVe: Global Vectors for Word Representation" – https://aclanthology.org/D14-1162/
2018 BERT Devlin et al., "BERT: Pre-training of Deep Bidirectional Transformers" – https://arxiv.org/abs/1810.04805
2019 Sentence-BERT Reimers & Gurevych, "Sentence-BERT: Sentence Embeddings using Siamese BERT-Networks" – https://arxiv.org/abs/1908.10084
2020 Dense Passage Retrieval (DPR) Karpukhin et al., "Dense Passage Retrieval for Open-Domain Question Answering" – https://arxiv.org/abs/2004.04906
2020 ColBERT Khattab & Zaharia, "ColBERT: Efficient and Effective Passage Search via Contextualized Late Interaction" – https://arxiv.org/abs/2004.12832
2021 Vektordatenbanken etablieren sich Pinecone-Produktlaunch; Weaviate-Erstveröffentlichung (kein wissenschaftliches Paper, Produkt-/Projektstart)
2022 OpenAI text-embedding-ada-002 OpenAI Blog: "New and improved embedding model" – https://openai.com/index/new-and-improved-embedding-model/
2023–2024 Hybrid-Suche + RAG als Standard Lewis et al., "Retrieval-Augmented Generation for Knowledge-Intensive NLP Tasks" (2020) – https://arxiv.org/abs/2005.11401

Nachtrag

Eigentlich wollte ich die passenden Impfhinweise für Brasilien verlinken. Die KI-Antwort war schon ziemlich gut ;-)

Sebastian Schweyen

Seit mehr als 13 Jahren berate ich Kunden erfolgreich als SEO Experte mit Schwerpunkt auf technischer Suchmaschinen­optimierung. Nebenbei betreibe ich eigene Seiten.
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Quellen und Fußnoten

  1. Ein Bag-of-Words-Systeme würde hier sogar bei perfektem Keyword-Match die falsche Intention bedienen! []

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